1. FR-Artikel über Nazistrukturen in Offenbach

Antifaschistisches Bündnis „Nazis arbeiten konspirativ“

Antifaschistisches Bündnis sieht aktive rechte Szene, die vor allem in Bieber agiert.

An mehreren Mauern und Wänden im Kreis Offenbach klebte das Plakat. Darauf stand: „Daniel S. – Deutsche werden ermordet, wo ist der Aufschrei?“. Im Internet bekannten sich Aktivisten auf einem rechten Netzwerk zur Plakatierung. Sie wollten damit an einen jungen Mann erinnern, der bei einem Streit vor einer Diskothek getötet wurde. Weil der Täter ausländische Wurzeln hat, benutzen Neonazis die Tat für ausländerfeindliche Hetze.

Welche Personen die Plakate geklebt haben, können die zwei jungen Männer des antifaschistischen Bündnisses Offenbach nicht sagen. Die Plakate sind für sie aber der Beweis, dass es in der Stadt und im Landkreis eine Naziszene gibt. Ihren richtigen Namen wollen die zwei Vertreter im Gespräch sicherheitshalber nicht nennen. Was Berichte über Aktivitäten von Neonazis betrifft, sind sie auskunftsfreudiger. Erst kürzlich veranstalteten sie dazu einen Infoabend: Ihnen zufolge gibt es zwei Akteure, die in Stadt und Kreis agieren. Frank Marschner ist einer davon. Er ist als NPD-Kandidat für den Wahlkreis Offenbach zu Bundes- und Landtagswahlen angetreten. Bei der bundesweiten NPD-Tour im vergangenen Sommer war Marschner bei der Kundgebung in Offenbach dabei. „Dass die NPD hier eine separate Station eingelegt hat, zeigt, dass es Potenzial für rechtes Gedankengut gibt“, sagen die Vertreter des Bündnisses.

Der zweite Akteur wohnt ebenfalls in Offenbach, ist im rechten Netzwerk Freies Netz (FN) Hessen aktiv und dort einer der führenden Köpfe, wie die jungen Männer berichten. Das FN Hessen hat vermehrt bei jungen Rechten Zulauf und dient der Vernetzung freier Kameradschaften und autonomer Nationalisten. Auf der Homepage gibt es einen Link in die Rhein-Main-Region – unter dem „Offenbach“ angeklickt werden kann.

Im Leonard-Eißnert-Park treffen sich immer mal wieder Rechtsextreme

Besonders in Bieber und Umgebung registrieren die Bündnisvertreter faschistische Umtriebe: Im Leonhard-Eißnert-Park fänden regelmäßig Treffen von Nazigruppen statt, erzählen sie. Außerdem störten Nazis in den vergangenen Jahren immer wieder Veranstaltungen. Bei einem „Rock gegen Rechts“-Konzert der DGB-Jugend im Herbst 2011 verteilten sie Material mit rechtsradikalen Inhalten. „Es ist auch schon vorgekommen, dass Teilnehmer und Teilnehmerinnen bei antifaschistischen Veranstaltungen von Nazis abfotografiert wurden“.

Christiane Ritter vom Antifaschistischen Infobüro Rhein-Main hält die rechten Strukturen für weniger präsent. Es gebe in Offenbach vereinzelte Nazis, die auch in Strukturen eingebunden sind. „Man kann von einer Szene sprechen, die allerdings ein Bestandteil des Freien Netzes Hessen ist und keine eigenständige Gruppierung“, sagt sie. Ritter schätzt, dass sich die Anzahl der Rechten auf an die 30 Personen beläuft. Diese seien „unterschiedlich stark aktiv und eingebunden“, manche seien fast gar nicht präsent. Eine Dunkelziffer an Sympathisanten ist laut Ritter aber vorhanden.

Dass der Leonhard-Eißnert-Park Treffpunkt von einigen Nazis sein soll, ist auch ihr bekannt. Genauso, dass in Bieber immer wieder Aufkleber und andere öffentlichkeitswirksame Plakatierungsaktionen durch Rechte stattfinden. „Die Nazis versuchen außerdem, im Stadion Fuß zu fassen, was bisher nicht funktioniert“, sagt Ritter. Übergriffe durch Nazis hat es ihren Informationen nach noch keine gegeben, wenngleich „ein Bedrohungspotenzial für bestimmte Leute sicherlich vorhanden ist“.

Die Leute von der Antifa warnen vor einer Verharmlosung

Dem Polizeipräsidium Südosthessen ist keine strukturierte Naziszene in Offenbach bekannt. Auch das Plakatieren von Flyern und Aufklebern kann die Polizei nicht feststellen.

Nur einmal registrierte sie rechte Aktivitäten: Bei dem „Rock gegen Rechts“-Konzert der DGB-Jugend beobachteten Beamte, wie Neonazis tatsächlich Infozettel und Aufkleber mit rechtem Gedankengut verteilten.

Dagegen halten die Vertreter des antifaschistischen Bündnisses: „Nur weil es nicht jede Woche Aktionen der Nazis gibt, heißt das nicht, dass sie nicht strukturiert agieren. Sie treten bewusst selten öffentlich auf und arbeiten konspirativ“. (ess.)


(Frankfurter Rundschau, 04/05.05.2013)